GRÜNE besuchen Seniorenheim

Unna/Lüdenscheid – Ulli ist erst seit wenigen Wochen in der Gruppe, fühlt sich aber schon ausgesprochen wohl. “Hier ist alles ruhig und überschaubar, in meiner Heimatstadt könnte ich ein solches Leben gar nicht führen. Da wärst du schnell wieder mitten im Sumpf”, sagt er mit rheinländischem Dialekt, während er noch ein paar bunte Glassteine auf die Holztafel klebt. Ulli stammt aus Köln, wohnt aber heute wie seine 13 weiteren Mitbewohner in einem Seniorenheim für Drogenabhängige. Die idyllische Anlage liegt in Hemmerde, einem ländlichen Ortsteil von Unna. Mitunter ist es ein bisschen viel Idylle.

Entlang von Wiesen und Feldern führt eine schmale Straße zu dem U-förmigen Wohnheim, das früher als Erholungsheim für Nonnen diente. Nach Leerstand, Station für Kurzzeitpflege und neuerlicher Öde hat das Gebäude seit vier Jahren eine deutschlandweit einmalige Verwendung gefunden: Das Projekt Lüsa (Langzeit Übergangs- und Stützungsangebot) aus Unna hat aus dem klösterlichen Domizil ein Seniorenheim für Drogenabhängige gemacht.

(v.l.) Sabine Lorey im Gespräch mit Renate Oehmke und Elke Olbrich-Tripp        Foto: Bernd Eiber

Die Bewohner sind zwischen 42 und 67 Jahre alt – eigentlich noch viel zu jung für ein Seniorenheim. “Aber die Menschen altern vor. Im Schnitt sind das nach langen Drogenkarrieren 15 Jahre”, sagt Sabine Lorey. Die Leiterin des Hauses stellte das Projekt zwei Mitgliedern der Kreistagsfraktion der Grünen vor. Vorsitzende Renate Oehmke und Geschäftsführerin Elke Olbrich-Tripp halten eine vergleichbare Einrichtung im Raum Lüdenscheid oder Iserlohn für durchaus denkbar.

Früher kamen die Junkies von Einrichtung zu Einrichtung. „Aber nirgends konnten oder wollten sie lange bleiben. In einer eigenen Wohnung alleine leben können diese Menschen schon lange nicht mehr.“ Und in einem „normalen Altersheim“ funktioniere das Miteinander nicht. Hier habe der Träger, ein eingetragener Verein aus Ärzten, Psychologen und Sozialarbeitern, die mit der Drogenarbeit vertraut sind, eine vernünftige Umgebung geschaffen. Jeder Bewohner hat sein eigenes Zimmer mit Bad und Blick ins Grüne. Die Aussicht ist für sie eher zweitrangig, denn meistens sind die Zimmer abgedunkelt. Zuviel Licht ist nicht gewünscht.

(v.r.) Sabine Lorey im Gespräch mit Elke Olbrich-Tripp und Renate Oehmke       Foto: Bernd Eiber

Dafür sind die eigenen vier Wände individuell gestaltet. Oft zieren großformatige Poster von Musikern aus der Heavy-Metal-Szene das eigene Refugium, Martin dagegen ist Schalke-Fan, was schon an der Zimmertür unübersehbar ist. Er gilt hier zusammen mit einem zweiten Bewohner noch als Workaholic, mäht den Rasen ums Haus und kümmert sich auch sonst um Dinge, die anfallen. „Hier möchte ich auf jeden Fall bleiben“,sagt er leise und bedächtig. Ohnehin geht hier alles langsam und gemächlich zu. „Die Lethargie ist schon extrem anstrengend“, sagt Sabine Lorey.

Trotzdem legt sie viel Wert auf eine Tagesstruktur – im Rahmen des Möglichen. Um 6 Uhr werden die Bewohner geweckt und erhalten ihr Substitut, um 9 Uhr wird das gemeinsame Frühstück im Speiseraum eingenommen. „Darauf achten wir schon sehr genau. Frühstücken auf den Zimmern gibt es nur in Ausnahmefällen.“ Anschließend geht es in verschiedene Arbeitsbereiche zu leichten Tätigkeiten in der Küche, im Werkraum – oder zum Gedächtnistraining. Viel könne den Bewohnern gar nicht zugemutet werden. „Nach ein paar Stunden sind sie völlig geschafft. Vom normalen Leben ist diese Klientel völlig überfordert.“

Die Menschen haben nicht nur über Jahrzehnte Heroin, Kokain, Crystal Meth und andere harte Drogen konsumiert, sondern leiden zudem an Leber- und Lungenkrankheiten, an Demenz, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Das ist ein ganzes Bündel.“ Nur die Substitution mit Ersatzstoffen wie Methadon mache ein längeres Leben in einer solchen Einrichtung überhaupt möglich. Andere Suchtmittel, ob legal oder illegal, sind im Haus verboten, aber nicht außerhalb. „Wir haben hier bestimmte Regeln.“

Trotz ihrer Vorgeschichten verfügen Ulli, Martin und ihre Mitbewohner über keinen einzigen Pflegegrad, obwohl alle nur eine sehr eingeschränkte Alltagskompetenz aufweisen. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) tritt für die Einrichtung als Kostenträger auf. Dreimal am Tag kommt der Pflegedienst ins Haus. „Wenn aber eine umfassende Versorgung notwendig wird, dann schaffen wir es nicht“, erklärt die Leiterin. „Die meisten haben Angst vor einem Pflegeheim. Sie können bleiben, bis sie sterben.“ Fünf Todesfälle hat es in der Einrichtungszeit gegeben – auch kürzlich einen Rausschmiss. „Die Frau war für ein Gruppe nicht geeignet.“ Inzwischen sei sie in einer geschlossenen Psychiatrie untergebracht. Frauen kämen ohnehin kaputter in die Einrichtung als Männer. Derzeit sind fünf Bewohnerinnen im Haus. Freundschaften untereinander? „Nein, so etwas gibt es hier nicht. Jeder lebt für sich.“

Extrem anstrengend sei die Arbeit im Seniorenheim, erklärt Lorey. Eigentlich sollte rein rechnerisch ein Mitarbeiter auf zwei Bewohner kommen. „Manchmal sind zwei Kräfte schon gut. Man darf das hier nicht als bloßen Job sehen, sondern muss mit Herzblut bei der Sache sein.“ Probleme mit der Nachbarschaft treten nicht auf. Zwei ältere Damen bringen häufig Kuchen oder Geschenke vorbei, mal gibt’s eine Einladung zum Grillen. „In Hemmerde sind wir fast beliebt.“
Die Grünen wollen den Einblick in den Tagesablauf zum Anlass nehmen, mit Politik, Drogenberatung und Landschaftsverband über Möglichkeitenn eines weiteren Standortes innerhalb des Kreises zu sprechen.

Nur mit der Abgeschiedenheit ist das so eine Sache. „Den Shuttlebus habe ich noch nie gesehen“ – den Eismann mit seinem Wagen auch nicht.

Quelle: Lüdenscheider Nachrichten/Bernd Eiber



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